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"Der größte Feind des Wissens ist nicht Unwissenheit,
sondern die Illusion, wissend zu sein."
(Stephen Hawking)

Studien

Aktuell werden täglich neue wissenschaftlichen Publikationen zu SARS-CoV2 und COVID-19 (teils im sogenannten fast-track) veröffentlicht. ICI hat sich dabei zum Ziel gesetzt, speziell jene Artikel herauszufiltern, die einen kritischen Zugang zur Thematik enthalten.

Angesichts der großen Anzahl bereits veröffentlichter Studien kann hierbei jedoch kein Anspruch auf Vollständigkeit gestellt werden. Und obgleich ICI darüber hinaus auch Wert darauf legt, nur vertrauenswürdige Quellen (z.B. peer-reviewte Zeitschriften) zu zitieren und nur veröffentlichte qualitativ hochwertige Studien bzw. Opinion-Papers zu inkludiere, wird für die inhaltliche Richtigkeit keine Gewähr übernommen.

Inhalte

  1. Inzidenz und Mortalitätsraten

  2. Prognosemodelle

  3. Tests und Therapie

  4. Maßnahmen (Ausgangssperren, Schulschließungen)

  5. Situation in Italien

 

1. Inzidenz und Mortalitätsraten

SARS-CoV-2: Mögliche Überschätzung der Gefahr

Studie zum Auftreten und zur Sterblichkeit von SARS-CoV-2 im Vergleich mit gängigen Corona-Viren

Diese Studie vergleicht das Auftreten (Inz idenz) und die Sterblichkeit (Mortalitätsraten) von vier bekannten, gängigen Corona-Viren, die jährlich für Millionen von Erkrankungen verantwortlich sind mit der Inzidenz und Mortalitätsrate von SARS-CoV-2. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Problem von SARS-CoV-2wahrscheinlich überschätzt wird, da jährlich 2,6 Millionen Menschen an Atemwegsinfektionen sterben, verglichen mit weniger als 4.000 mit SARS-CoV-2 assoziierten Todesfällen (zum Zeitpunkt des Verfassens des Artikels). SARS-CoV-2 kann aus statistischer Sicht nicht als gefährlicher bzw. tödlicher als andere, bereits bekannte Corona-Viren angesehen werden.

Link: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7102597/

PDF (epub ahead of print):https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7102597/pdf/main.pdf

Zitat: Roussel, Y., Giraud-Gatineau, A., Jimeno, M. T., Rolain, J. M., Zandotti, C., Colson, P., & Raoult, D. (2020). SARS-CoV-2: fear versus data. International Journal of Antimicrobial Agents, 105947.

Überschätzung der Mortalitätsrate #1

Studie zu Schätzungen der Sterblichkeit

Diese chinesische Studie, die auf öffentlich zugänglichen und publizierten Daten basiert, errechnet eine Sterblichkeitsrisiko (case fatality risk; das ist die Wahrscheinlichkeit, nach Auftreten von Symptomen zu versterben) von 1.4 für COVID-19. Diese Mortalitätsrate ist wesentlich geringer als jene errechnete bzw. prognostizierte. Darüber hinaus zeigt sich ein Alterseffekt mit einem fünffachen Risiko von über 60Jährigen eine symptomatische Infektion zu entwickeln.

Link: https://www.nature.com/articles/s41591-020-0822-7

PDF: https://www.nature.com/articles/s41591-020-0822-7.pdf

Zitat: Wu, J. T., Leung, K., Bushman, M., Kishore, N., Niehus, R., de Salazar, P. M., ... & Leung, G. M. (2020). Estimating clinical severity of COVID-19 from the transmission dynamics in Wuhan, China. Nature medicine, 1-5.

 

Überschätzung der Mortalitätsrate #2

Kommentar zu aktuellen Schätzungen der Sterblichkeit

In diesem Kommentar prognostiziert der Autor auf Basis früherer Pandemien (z.B. H1N1 und SARS), dass die tatsächliche Sterblichkeit geringer ausfallen wird als jene, die zu Beginn berichtet wurde. Auch betont der Autor, dass diese Schätzungen weiter sinken werden, je mehr Tests auch bei subklinischen Stichproben durchgeführt werden.

Link:https://www.bmj.com/content/368/bmj.m1113

Zitat: Niforatos, J. D., Melnick, E. R., & Faust, J. S. (2020). Covid-19 fatality is likely overestimated. BMJ, 368.

 

Auftreten von Corona-Viren im Rahmen von Atemwegserkrankungen

Eine prospektive Studie zur Krankheitslast oberer Atemwegserkrankungen

Diese prospektive britische Studie untersucht die Krankheitslast oberer Atemwegserkrankungen in einer Stichprobe von 533 älteren Erwachsenen. Unter den verschiedenen saisonal auftretenden Krankheitserregern bilden Corona-Viren mit 26% nach Rhino-Viren (52%) die zweithäufigste Gruppe. Die auftretenden Infektionen sind dabei klinisch nicht voneinander zu unterscheiden. Die größte Krankheitslast verursachten Rhino-Viren, gefolgt von Episoden unbekannter Ätiologie, Corona-Viren und Influenza A und B.

Link:https://www.bmj.com/content/315/7115/1060.short

PDF:https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2127683/pdf/9366736.pdf

Zitat: Nicholson, K. G., Kent, J., Hammersley, V., & Cancio, E. (1997). Acute viral infections of upper respiratory tract in elderly people living in the community: comparative, prospective, population based study of disease burden. BMJ, 315(7115), 1060-1064.

 

2. Prognosemodelle


Die Zuverlässigkeit von Covid-19 Prognosemodellen

Systematisches Review zu Covid-19 Prognosemodellen im British Medical Journal (BMJ)

Dieses Review analysiert 27 publizierte Modelle, die sich auf Basis vorrangig chinesischer Daten mit der Prognose von Krankheitsverläufen, der Dauer von Spitalsaufenthalten, der Progression zu einer schwereren Form wie auch dem Mortalitätsrisiko befassen. Alle 27 Modelle wurden aufgrund einer fehlerhaften Methodik, darunter z.B. einer mangelhaften Stichprobenselektion, sowie auch wegen unklaren Angaben zur Konzeption mit einem hohen Risiko für verzerrende Prognosen bewertet. Die Übersichtsarbeit zeigt folglich auf, dass die publizierten Modelle mangelhaft beschrieben sind und ein hohes Risiko einer Fehleinschätzung bergen.

Link:https://www.bmj.com/content/369/bmj.m1328

PDF (Open Access):https://www.bmj.com/content/bmj/369/bmj.m1328.full.pdf

Zitat: Wynants, L., Van Calster, B., Bonten, M. M., Collins, G. S., Debray, T. P., De Vos, M., ... & Schuit, E. (2020). Prediction models for diagnosis and prognosis of covid-19 infection: Systematic review and critical appraisal. BMJ, 369.

3. Tests und Therapie

Fluktuierende Ergebnisse bei RT-PCR-Tests

Eine chinesische Studie zeigt Fehleranfälligkeit von RT-PCR Tests auf

Diese Studie analysiert die Daten von insgesamt 610 hospitalisierten Patienten aus Wuhan, die klinisch mit COVID-19 diagnostiziert und anschließend einem RT-PCR-Test (time reverse-transcriptase polymerase chain reaction-Test) unterzogen wurden. Die Autoren berichten über eine hohe falsch-negativ Rate sowie über fluktuierende Ergebnisse der Tests und plädieren dafür, nicht nur Tests, sondern auch klinische Indikatoren für die Diagnosestellung herangezogen werden sollten. Auch zeigt die Studie den großen Bedarf an Standardisierung und Optimierung bestehender (Test-)Prozeduren auf.

Link:https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32219885

PDF:https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/jmv.25786

Zitat: Li, Y., Yao, L., Li, J., Chen, L., Song, Y., Cai, Z., & Yang, C. (2020). Stability Issues of RT‐PCR Testing of SARS‐CoV‐2 for Hospitalized Patients Clinically Diagnosed with COVID‐19. Journal of Medical Virology, 1-6.

 

4. Maßnahmen (Ausgangssperren, Schulschließungen)

Kein Nutzen von Schulschließungen

Systematisches Review zu der Frage, ob Schulschließungen wirksam sind

Dieser Übersichtsartikel evaluiert 16 Artikel, die die Wirksamkeit von Schulschließungen oder anderen in Schulen implementierten sozialen Distanzierungsmaßnahmen zur Eindämmung der SARS-Pandemie 2003 untersuchten. Die Daten deuten darauf hin, dass Schulschließungen nicht zur Verbesserung der Kontrolle über die Krankheitsausbreitung während der SARS-Pandemie 2003 beitrugen. Die Autoren sprechen sich dafür aus, weniger drastische soziale Maßnahmen in Schulen zu setzen.

Link:https://www.thelancet.com/journals/lanchi/article/PIIS2352-4642(20)30095-X/fulltext?utm_source=miragenews&utm_medium=miragenews&utm_campaign=news

PDF (Open Access):https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S2352-4642%2820%2930095-X

Zitat: Viner, R. M., Russell, S. J., Croker, H., Packer, J., Ward, J., Stansfield, C., ... & Booy, R. (2020). School closure and management practices during coronavirus outbreaks including COVID-19: a rapid systematic review. The Lancet Child & Adolescent Health, published online.

5. Situation in Italien

Gründe für die hohe Mortalität in Italien #1

Kommentar zu möglichen Gründen für die hohe Sterblichkeit in Italien

Die Beobachtung, dass die Sterblichkeit positiv getesteter COVID-19-Patienten in Italien höher liegt als in anderen Ländern, führen die Autoren primär auf drei Faktoren zurück: (1) Das höhere Durchschnittsalter: Dieses ist in Italien höher als in anderen Industrieländern (23% sind über 65 Jahre alt); (2) Unklare Definition der Todesursache: COVID-19 bezogene Todesfälle sind unklar definiert, zumal all jene PatientInnen dazugezählt werden, die mittels RT-PCR-Test positiv auf das Virus getestet wurden, unabhängig von Vorerkrankungen, die ursächlich für die Sterblichkeit verantwortlich sein könnten; (3) Unterschiedliche Test-Strategien: In Italien werden jene prioritär getestet, die schwere klinische Symptome aufweisen. Zumal die Sterblichkeit als die Anzahl der Todesfälle unter positiv Getesteten dividiert durch die Zahl der positiven SARS-CoV-2 Fälle definiert wird, führt das obige Vorgehen zu einer Überschätzung der Mortalitätsrate, weil die weniger schweren Fälle nicht im Nenner gezählt werden.

Link:https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2763667

PDF:https://www.sfndt.org/sites/www.sfndt.org/files/medias/documents/Onder%20et%20al.%2C%20JAMA%20Mars%202020.pdf

Zitat: Onder, G., Rezza, G., & Brusaferro, S. (2020). Case-fatality rate and characteristics of patients dying in relation to COVID-19 in Italy. JAMA.

 

Gründe für die hohe Mortalität in Italien #2

Artikel zur Luftverschmutzung als Einflussfaktor

Dieser Artikel untersucht den Zusammenhang zwischen der hohen SARS-CoV-2-Mortalität und der Luftverschmutzung in Norditalien, und hierbei speziell in den Regionen der Lombardei und Emilia Romagna, die zu den Regionen mit der höchsten Luftverschmutzung in Europa zählen. Die Autoren zeigen auf, dass Personen, die in einer Region mit hohen Schadstoffwerten leben, ein höheres Risiko aufweisen, eine chronische Atemwegserkrankung aufzuweisen. Dies gilt auch für junge und gesunde Personen. Die Autoren rufen folglich dazu auf, die hohe Luftverschmutzung Norditaliens als zusätzlichen Einflussfaktor der hohen Sterblichkeit zu berücksichtigen.

Link:https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7128509/

PDF: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7128509/pdf/main.pdf

Zitat: Conticini, E., Frediani, B., & Caro, D. (2020). Can atmospheric pollution be considered a co-factor in extremely high level of SARS-CoV-2 lethality in Northern Italy?. Environmental Pollution, 114465.

Gründe für die hohe Mortalität in Italien und Spanien

Artikel zu Stickstoffdioxid als Einflussfaktor

Diese Studie untersucht den Zusammenhang zwischen der langfristigen Exposition mit Stickstoffdioxid (NO2) und der COVID-19 bezogenen Mortalität. Insgesamt wurden 66 Regionen in Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland auf ihre Stickstoffdioxid-Anreicherung untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass sich 78% (n=3.487) der insgesamt 4.443 Todesfälle über fünf Regionen in Norditalien und in Zentralspanien verteilen. Diese Regionen weisen zudem neben den höchsten Stickstoffdioxid-Konzentrationen einen abwärtsgerichteten Luftstrom auf, der eine wirksame Verringerung der Luftverschmutzung verhindert. Die Autoren schlussfolgern, dass diese Umstände zu den wichtigsten Einflussfaktoren hinsichtlich der hohen Mortalität in diesen Regionen zählen.

Link:https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0048969720321215
PDF:https://reader.elsevier.com/reader/sd/pii/S0048969720321215
Zitat: Ogen, Y. (2020). Assessing nitrogen dioxide (NO2) levels as a contributing factor to the coronavirus (COVID-19) fatality rate. Science of The Total Environment, 138605.